Die amerikanische mitten-pawed Katze

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Wird man als absoluter Laie unvorbereitet mit einer polydaktilen Maine Coon Katze konfrontiert, so fallen einem sofort die Vorderpfoten auf, die aussehen, als hätte die Katze Fäustlinge übergezogen (mitten, mittens; engl. = Fausthandschuh, Fäustlinge). Hervorgerufen wird dieser Eindruck durch die doppelte Daumenklaue. Eine Katze hat für gewöhnlich an den Vorderpfoten vier Zehen und eine Daumenklaue, an den Hinterpfoten nur vier Zehen. Polydaktilie, wie das Merkmal der Mehrzehigkeit genannt wird, stellt eine genetische Mutation dar.
Die Natur hat alle Lebewesen mit für ihre Art spezifischen Merkmalen ausgestattet. Wenn ein Lebewesen mit den spezifischen Merkmalen für die Erhaltung seiner Art nicht das Auslangen fand, geschah die Anpassung durch genetische Spontanmutationen. Bei den Katzen waren solche Mutationen z.B. a) das Langhaargen, b) die sogenannte Räder- oder Classic-Zeichnung , c) die an das X-Chromosom gebundene Fellfarbe Rot, d) die Einfarbigkeit, oder auch e) das alles überdeckende Weiß, nicht zu vergessen f) der Verdünnungsfaktor, der die Fellfarben blau und creme ermöglicht. Alle diese Mutationen trugen dazu bei, daß sich die Tiere einer bestimmten Region besser ihrer Umgebung anpassen konnten, um so leichter zu überleben.

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Erstmals werden polydaktile Katzen um 1650 in der Bostoner Gegend erwähnt und beschrieben. Seeleute schätzten diese Katzen, weil sie zutiefst überzeugt waren, daß sie Glück brächten und weil sie die besseren Mauser waren. Viele Geschichten, die sich mit der Maine Coon beschäftigen und etwas übertrieben wirken, bekommen unter dem Blickwinkel der polydaktilen Katze plötzlich Sinn und Aussagekraft.

Polydaktilie ist jedoch kein körperliches Merkmal, das sich ausschließlich auf Katzen, und hier im speziellen auf Maine Coons beschränkt. Sie kann überall und bei jedem Lebewesen auftreten. In Norwegen wird eine polydaktile Hunderasse gezüchtet, der Lundehund. Lunde sind Seevögel, auch Papageientaucher genannt, die in schmalen, gangähnlichen Höhlen in den steilen Klippen nisten. Dank ihrer größeren Anzahl Zehen können Lundehunde leichter in den Klippen klettern und die schwer erreichbaren Nester der Vögel ausgraben. Auch beim Menschen ist die Polydaktilie nicht unbekannt. So war z.B. Marilyn Monroe polydaktil (sie hatte sechs Zehen), es gibt einen bekannten amerikanischen Basketballspieler, der polydaktil ist, und erst vor kurzem ging das Bild eines in China geborenen polydaktilen Kindes um die Welt.

Polydaktilie ist keine Mißbildung oder Deformation, wie oft fälschlich behauptet wird. Es verursacht weder Schmerzen, noch führt es zur Gehunfähigkeit. Es ist keine Qualzucht, wie deutsche Wissenschafter behaupten und sie führt auch nicht zum Tode des Tieres. Im Gegenteil: polydaktile Lebewesen, ob Mensch oder Tier, haben gelernt, die zusätzlichen Finger oder Zehen sinnvoll einzusetzen. Es ist kein Geheimnis, daß polydaktile Maine Coons wesentlich flinker und wendiger sind als ihre schmalfüßigen Schwestern und Brüder. Sie sind geschickte Kletterer, wesentlich mutiger und absolut begnadete Jäger. Beute, einmal gefangen, entschlüpft diesen Pfoten nie mehr, weil sie komplett umfaßt wird.

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Es gibt eine Reihe berühmter Polys: von der Mayflower über das Weiße Haus bis zu Papa Hemingways Villa in Key West, die polydaktile Maine Coon ist Amerikas geheimer Schatz. Präsident Theodore Roosevelt besaß eine Poly namens Slippers. Sie war eine der ersten felinen Bewohner des Weißen Hauses und stand oft im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Hemingway's Poly hieß Snowball, ein sechszehiger Kater, und später schenkte ihm ein Kapitän zur See eine weitere Poly namens Princess. Gerade die Hemingway-Katzen sind der Beweis für die Harmlosigkeit dieses Merkmales, denn seit mehr als 100 Jahren können sich diese Katzen ungehindert verpaaren. Würde das Merkmal der Polydaktilie zu schweren Gesundheitsbeeinträchtigungen führen, gäbe es auf Hemingways Besitz in Key West keine Katzen mehr....

Derzeit läuft an der Universität von Kalifornien in Davis eine genealogische Studie, um das Gen der Polydaktilie genau zu erforschen. Züchter, Halter und Liebhaber der polydaktilen Maine Coon unterstützen diese Forschung durch das Beibringen von Pedigrees, um die Erblichkeit des Merkmals festzuhalten, und Einsenden von Abstrichen, damit die DNA festgestellt werden kann.

Jahrhundertelang war die polydaktile Maine Coon der Inbegriff der Maine Coon Katze. Erst den Züchtern der Neuzeit war es vorbehalten, diese Katze als Mißgeburt zu diskreditieren und sie als Gesundheitsrisiko aus den Reihen der Zuchtkatzen zu entfernen. Dabei wurde ein wichtiger Faktor gänzlich übersehen: es gibt kaum eine Maine Coon, deren Ahnenreihen nicht wenigstens eine polydaktile Maine Coon aufweist....

 

copyright by Waltraud Novak, 2000-2003